Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bassum-Bünde e.V.
Vor vielen Jahren präsentierte Carsten Heine seine Ausstellung „Die vergessene Zeit – 93 Jahre Schwafördener Bahnhofsgeschichte“.
Er präsentierte Bilder vom Bahnhof Schwaförden und Erinnerungen von Erna Schmidt, geb. Bähre, Tochter des ersten Bahnhofsvorstehers in Schwaförden.
Ein herzliches Dankeschön geht an Herrn Heine für die Bereistellung seiner Ausstellungsfotos und -texte verbunden mit der Erlaubnis diese hier zu präsentieren!
Nachfolgend sind die Einladung zur Ausstellung und die Ausstellungstexte wortwörtlich wiedergegeben.
Die vergessene Zeit
93 Jahre Schwafördener Bahnhofsgeschichte.
Unsere Ausstellung spannt einen historischen Bogen;
Die Bahn war hier früher ein effektives Transportsystem. Getreide und Vieh wurde verladen und die Landwirtschaft machte ihre Geschäfte. Unternehmen siedelten sich am Ort an. Hier traf man Bekannte und Verwandte nach langer Reise.
-Der Bahnhof lebte-.
Aber die Zeiten ändern sich, Leben erstarrt. Der Mittelpunkt des Ortes verkommt zur Bedeutungslosigkeit. – Verfallenes Wartehäuschen ohne Fahrgäste. Ungenutzte Lagerräume. Leere Tanks.
Diese Bahnlinie wurde stillgelegt – Betreten verboten.
Die Ruinen haben vorläufig oder vielleicht auch endgültig Abschied genommen, den Menschen hier als Wirkungsfeld zu dienen.
Die Ausstellung gönnt dem Betrachter eine Pause zwischen Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft.
Das Textmaterial neben den Photographien stammt aus den Erinnerungen der Bahnhofsvorstehertochter Erna Schmidt, geb. Bähre (1911 – 1992), die ihre Kindheit auf dem Bahnhof verbracht hat.
Die vergessene Zeit
Der Bahnhof Schwaförden war der Nabel des Ortes und der weit umherliegenden Ortschaften.
1902 ist die Bahnstrecke Sulingen – Bassum eröffnet worden. Mein Vater kam als Bahnhofsvorsteher hierher.
Ob Mensch, ob Tier, ob Stückgut oder Frachtgut alles mußte mit der Bahn befördert werden. Zur Anfahrt zum Bahnhof wurde oft ein Pferdegespann benötigt. Die Dorfstraße war eine schmale Schotterstraße, parallel zur Straße verlief ein Mullweg für die Gespanne und ein Padweg für die Fußgänger.
Am Wegrand standen Obstbäume, das Obst wurde im Herbst auf dem Baum verkauft. Die Goldparmänenäpfel hatten wir Schulkinder meist schon vorher abgeerntet.
Der erste Zug fuhr um 6 Uhr in Richtung Bassum mit Anschluß nach Bremen. Er kam aus Sulingen. Vor 8 Uhr kam er zurück und fuhr bis Herford.
Diesen Zug benutzten die Kinder, die nach Sulingen zur Schule gingen. Ich ließ den Zug immer abfahren. Wenn er Verspätung hatte, kam ich eben zu spät in die Schule. Herr Hohls hat oft gesagt: „Bähre, bist Du da? Dann können wir ja anfangen!“
Der 8 Uhr Zug und der 4 Uhr Zug am nachmittag fuhren in Richtung Bassum und hatten einen Postwagen. Die Briefträger, auch die der umliegenden Orte, mußten die Briefe und die Pakete oft an die Bahn bringen. Sie kamen mit einem Fahrrad mit Paketanhänger.
In meiner Kindheit waren die Briefkästen kornblumenblau, zur Hitlerzeit waren sie rot, jetzt sind sie gelb.
Es gab auch schon ein paar Telefone, alle Gespräche liefen über das Ortsnetz.
„Ich verbinde“ sagte Kreyenhops Mutter, sie konnte auch mithören.
Es gab 8 Personenzüge und 2 lange Güterzüge.
Die Personenzüge hatten Wagen 3. und 4. Klasse. In einem Wagen 3. Klasse waren ein paar Abteile als 2. Klasse ausgeschildert, sie waren mit Polstersitzen ausgestattet.
Es gab auch ein Abteil für Kriegsgeschädigte und für Reisende mit Hund. Mein Vater hat gegen diese beleidigende Zumutung aus Mitgefühl gegenüber den Kriegsgeschädigten gekämpft. Er hat sich bei der Behörde durchgesetzt, die Abteile wurden getrennt. Menschen, die in ein Krankenhaus mußten, wurden auf einer Tragbahre in ein 3. Klasse Abteil geschoben. Das Abteil mußte dann von den Angehörigen voll bezahlt werden. Wo in Sulingen jetzt der Froschbrunnen ist, stand ein kleines Krankenhaus. Zweimal in der Woche kam ein Chirurg aus Bremen, die Patienten wurden nach der Operation von Sulinger Ärzten betreut.
Die Wagen der 4. Klasse waren Großraumwagen. Die Personenwagen hatten viele Sitzplätze, Rücken an Rücken. Die Wagen für Reisende mit Traglasten hatten die Sitze an den Außenwänden. In der Mitte war ein großer Freiraum für die Traglasten. Hier konnte man auch mit einem Kinderwagen einsteigen. Kinder unter vier Jahren brauchten keine Fahrkarte.
Auf der Verladerampe wurde das Vieh verladen – die Schweine meist von Mohrmann und Melloh, das Großvieh meist von Juden aus Rahden.
Für Mohrmann am Teich kamen auch manchmal Pferde aus Polen an – mit einem Pferdepfleger.
Im ersten Weltkrieg wurde einmal ein abgestürztes Flugzeug verladen. Ich war erstaunt, wie groß so ein Flugzeug auf der Erde war.
In der Kriegszeit (1914 – 1918) waren im Gehege einmal Schweine eingefriedet, sie sollten die Bucheckern und Eicheln fressen. In der großen Freiheit waren sie so flink geworden wie Wildschweine. Beim Verladen verschwanden zwei Schweine unter dem Langholz auf dem Grubenholzplatz an der Ladestraße. Der Förster Richter aus Sudwalde hat sie erlegt. In Schwaförden gab es noch keinen Förster.
Auf dem Grubenholzplatz wurde das Langholz zu Ständern für die Bergwerke verarbeitet. Jan Lüllmann aus Maasen war der Unternehmer.
In meiner Kindheit hieß das Bahnhofsviertel „die Herrlichkeit“. Drei große Schornsteine waren das Wahrzeichen der Herrlichkeit. Strahmann, Riedemann und die Molkerei. Sie erzeugten schon Strom.
Der Bahnhof, die Ladestraße und wir (Beamtenhaus) wurden von Strahmann mit Strom versorgt. (Im Dorf mußte man sich mit Petroleum behelfen). Petroleum war im ersten Weltkrieg Mangelware.
Als ich klein war, da glaubte ich, der Bahnhof gehöre uns, dem Lehrer gehörte die Schule, die Kirche dem Pastoren und der Bauernhof dem Bauern. Der Bahnhof war das Allerschönste für mich, da war immer etwas los. Am Sonntagabend traf sich die Jugend am Bahnhof. Ich tingelte unbeachtet um die Grüppchen herum, aber: Lüttje Müse hebbt ok Ohrn!
Manchmal wurden auch Schlager gesungen. Nach dem ersten Weltkrieg sangen sie manchmal: „O Tannenbaum, O Tannenbaum, der Kaiser hat in den Sack gehaun!“
Ich möchte zum Schluß sagen:
„O Kinderzeit, du schöne Zeit,
du kleines Stück Vergangenheit,
das man im Leben nicht vergißt,
wenn man auch 80 Jahr` alt ist.“
Neben den Erinnerungen von Frau Schmidt beinhaltete die Ausstellung auch noch weitere Erzählungen, die nachfolgend wiedergegeben werden.
Bahnhofsgeschichten
Frau Schmidt hat ihre Kindheit auf dem Bahnhof verbracht. wenn sie nur konnte, ließ sie die Züge abfahren!
Die Bahnstrecke wurde 1901 fertiggestellt und 1902 eröffnet. 8.00 und 4.00 Uhr Züge kamen mit Postwagen. Jeder Zug wurde von einer großen Dampflok gezogen. Viele Züge kamen zu spät, und deshalb kam es oft zu Zusammenstößen auf den Bahnsteigen. Die Personenzüge hatten 3. Klasse Wagen. Dort konnte man mit Kinderwagen einsteigen. Der 3. Klasse Wagen war ein Großraumwagen mit vielen Sitzplätzen. Die 2. Klasse hatte Polstersitze. Wenn der Schaffner von dem einen Wagen in den anderen gelangen wollte, mußte er über Eisenplatten gehen, das war im Winter gefährlich. Der Bahnhof von Schwaförden war ein wichtiger Verbindungspunkt.
Ich liebe meinen Geburtsort.
Auf der Rampe am Bahnhof wurde das Vieh verladen.
An der Ladestraße war der Grubenholzplatz. Dort wurde Langholz angefahren und mit der Handsäge zu Grubenholz für die Bergwerke verarbeitet.
Die Jugendlichen trafen sich am Sonntagabend auf dem Bahnhof.
Wenn man Geld hatte ging man in einen Gasthof, wo es ein Grammophon gab, aber meistens hatten wir kein Geld für eine Brause oder ein Bier.
Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bassum-Bünde e.V.
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